Stilisierte Wandbemalung mit hebräischer Schrift: Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du.

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Historischer Überblick vom 16. bis zum 20. Jahrhundert Die Zeit der landgräflichen Schutzherrschaft vom 16.-18. Jahrhundert

von Annemarie Schlag

Die Schutzherrschaft über die Juden in Fronhausen übten die Landgrafen von Hessen aus.

Unter den Juden, die 1574 dem Schutz Landgraf Ludwigs IV. von Hessen-Marburg unterstanden und ihm für sich und alle anderen nicht anwesenden landgräflichen Schutzjuden gelobten, binnen zwanzig Monaten zehntausend Gulden in guter, gangbarer, unverschlagbarer Reichsmünze aufwechseln zu wollen, zeichnete mit eigenhändiger Unterschrift in hebräischen Buchstaben auch Susmann aus Fronhausen. In dem Einwohnerverzeichnis des Salbuches von 1592 des Gerichts Lohra mit Fronhausen findet Susmann ebenfalls Erwähnung, indem er seine bisher gelieferte Naturalabgabe in Form von ½ Zentner Salpeter in einen Geldbetrag umwandelte. Desweiteren wurde Susman zur Zahlung der Türkensteuer veranlagt. Als es 1599 zu Erhöhungen der Schutzgeldabgaben an die landgräfliche Rentkammer kam, konnte Susmann die hohen Forderungen mit Verhandlungsgeschick und Beharrlichkeit abmildern.

Im 17. Jahrhundert werden Jakob mit Frau Sprintza, fünf Töchtern und einem Sohn namens Seligmann sowie ein Jude Hirtz mit Frau Brunches erwähnt. Im Jahr 1710 lebte eine Familie Hirtz mit sieben Kindern in Fronhausen. 1737 wird ein Hirsch Levi, 68 Jahre alt, genannt. Ihm wird bescheinigt, daß er bereits 43 Jahre einen Schutzbrief für Fronhausen hatte. Er könnte mit Hirtz identisch sein; alle Nennungen können sich also auf den bereits im 17. Jahrhundert erwähnten Hirtz beziehen.

Erst im 18. Jahrhundert vergrößerte sich die Gemeinde, und es siedelten sich die Familien an, die bis im 20. Jahrhundert in Fronhausen lebten. In der hessischen Judenstättigkeit von 1744 wird nur Jacob Levi genannt. Dieser hatte mit seiner Ehefrau vier Töchter und einen Sohn. Vermutlich handelt es sich bei dem Sohn um Meier Levi (Levit Meier), der sich später Löwenstein nennt. Die Obrigkeit Fronhausens bescheinigt ihm, dass er eine starke Familie hat und ein beispielloses Exempel von Ehrlichkeit ist, so dass man ihn im Handel jedem Christen vorzieht. Meier Levi (Löwenstein) hatte mit seiner Ehefrau vier Söhne: Jacob, Löb, Hirsch, Anschel, vermutlich noch eine Tochter mit Namen Gütchen, geboren 1768.
Dieses sind die Urahnen der weit verzweigten Familie Löwenstein in Fronhausen.

Die Zeit der Emanzipation und Integration im 19. Jahrhundert

Mit der bürgerlichen Gleichstellung unter Napoleons Bruder Jérôme (1807– 1813) musste die jüdische Bevölkerung zur Identifizierung einen Familiennamen annehmen. Bisher benutzten sie neben ihrem eigenen Vornamen den ihres Vaters gleichsam als Nachnamen.

Nachweisbar lebten 1852 folgende Familien in Fronhausen:
Lion Seligmann, Kauf- und Handelsmann mit 6 Kindern
Simon Löwenstein, Pferdehändler
Hirsch Löwenstein, Metzger, mit 11 Kindern
Mendel Löwenstein, Metzger, mit 6 Kindern
Samuel Stilling, Metzger, mit 8 Kindern
Im Jahr 1864 lebten 46 Juden in Fronhausen. Es gab 2 Kaufleute, 3 Handwerker und einen Pferdehändler.

Die Jüdische Gemeinde am Ende des 19. Jahrhunderts

Die Orte Roth, Lohra und Fronhausen bildeten im 19. Jahrhundert zunächst eine Synagogengemeinde mit Sitz und Synagoge in Roth. 1881 traten Fronhausen und Lohra aus dieser Synagogengemeinde aus und gründeten in Fronhausen ihre eigene. Bis zum Kauf eines geeigneten Hauses in der Marburger Straße im Jahr 1886 fanden Gottesdienste und Schulunterricht in Privathäusern statt. Die Gründung der Schule wurde 1883 genehmigt. Die Zahl der jüdischen Schulkinder betrug für Fronhausen 12 und für Lohra 6 Kinder. Der erste Lehrer und Vorsänger war Salomon Andorn aus Gemünden, der die Stelle von 1883-1893 inne hatte. Sein Nachfolger wurde Jakob Höxter aus Zimmersrode. Er heiratete 1899 Franziska Löwenstein, die Tochter von Simon und Ester. Das Ehepaar zog 1899 nach Jesberg. Die Schule bestand vermutlich noch bis Anfang 1904.
Die Etagen über dem Schul- und Betsaal waren an vier nicht jüdische Familien vermietet. Im Dezember 1941 übernahm die Bezirksstelle Hessen-Nassau der Reichvereinigung der Juden in Deutschland das Gebäude. 

Seit 1874 bestand der jüdische Friedhof auf dem Stollberg mit der Flurbezeichnung „Am Kratzeberg“. Dieses Flurstück gehörte dem Pferdehändler Simon Löwenstein, der es 1873 der Jüdischen Gemeinde zur Anlegung eines „Totenhofes“ schenkte. 

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Die Zeit der Verfolgung und Auslöschung der Gemeinde durch das Nazi-Regime (1933-1942)

Seit vielen Generationen lebten die jüdischen Menschen im Ort. Sie engagierten sich in der Dorfgemeinschaft, waren Deutsche mit jüdischer Religion. Im 1. Weltkrieg beteiligten sich die Männer am Militärdienst. Friedrich Löwenstein, geboren 1888, fiel im Kampf um Verdun.

 

Nach Hitlers Machtübernahme am 30. Januar 1933 verlor die jüdische Bevölkerung nach und nach ihre staatsbürgerlichen Rechte. Ende März 1933 durfte Hermann Löwenstein aufgrund eines Verbotes sein Vieh nicht mehr schächten. Schilder mit der Aufschrift „Juden sind hier unerwünscht“ standen am Ortsausgang Richtung Bellnhausen und Richtung Niederwalgern. Im Juni 1935 wurden Schaufensterscheiben am Textilgeschäft von Julius Löwenstein und am Metzgerladen von Hermann Löwenstein eingeschlagen. Gleiches geschah mit den Fensterscheiben der Witwe Regina Löwenstein im Oktober 1935. Die Holocaust-Überlebende Trude Meyer geborene Löwenstein schilderte später dazu: „Wir dachten es ist nur ein böser Alptraum, aus dem wir erwachen und alles ist wieder normal. Wir haben doch in einem friedlichen Dorf gelebt. Wer hat denn Hass gekannt? Warum sollten wir auswandern, wir haben niemanden etwas Böses getan“.

1935 lebten in Fronhausen noch fünf Familien.
Johanna Bachenheimer geboren 1895, unverheiratet, Tochter von David und Bertha geborene Schönfeld. Die Eltern starben 1922 bzw. 1931. In ihrem Haus in der Marburger Straße führten sie ein Geschäft für Kolonialwaren. Ihr Dorfname war „Bachenheimers“.

Gottfried und Frieda Goldschmidt geborene Löwenstein mit Sohn Julius-Jacob und Tochter Ilse. Gottfried, geboren in Obersemen, fuhr über Land und verkaufte Stoffe, Textilien und Kurzwaren. Seine Ehefrau Frieda, geboren 1894, war die Tochter von Jacob Löwenstein, der mit seiner Familie in Oberwalgern wohnte.
Im Haus der Familie Goldschmidt wohnten auch die beiden ledigen Geschwister von Jacob.
Auguste (Giedel), geboren1868, Beruf Schneiderin. Sie starb 1941, ihre letzte Ruhestätte ist ungewiss, entweder wurde sie auf dem jüdischen Friedhof in Fronhausen oder auf dem Sammelfriedhof in Marburg bestattet.
Friederike (Rickchen) Löwenstein, geboren 1872, Beruf Schneiderin.
Das Wohnhaus der Familie Goldschmidt stand in der Gossestraße, es existiert heute nicht mehr. Mit Dorfnamen nannte man die Familie „Isaaks“.

Hermann und Johanna Löwenstein geborene Katten aus Halsdorf, mit vier Kindern: Karl, Jenni, Trude und Friedrich. In ihrem Haus am Stollberg unterhielt die Familie einen Metzgerladen. Hermann handelte auch mit Vieh und besaß große Ackerflächen. Er starb 1937 nach einer Operation in Frankfurt und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Fronhausen bestattet. An seiner Beerdigung nahmen drei Geschäftsfreunde Ruth, Pfeffer und Schlapp aus Bellnhausen teil. Sie wurden wegen der Teilnahme denunziert und aus der Berufsgenossenschaft ausgeschlossen. Dem Poststelleninhaber Ruth wurde die Poststelle auf seinem Hof entzogen.
Hermanns Eltern waren Moses II. und Dina geborene Sonn aus Röllshausen.
Im Haus der Löwensteins lebte auch die Schwester von Dina, Minnchen Sonn. Sie starb 1938 und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Fronhausen bestattet. Einen Grabstein besitzt sie nicht.
Hermanns Schwester Johanna (Jette) heiratete Meier Katten II.; er war der Bruder von Johanna (Sannchen). Mit Dorfnamen nannte man diese Familie Löwenstein „Hirsche“.

  

Regina Löwenstein geborene Rosenbaum, mit Tochter Irma und Sohn Hermann. Sie wohnten in der Gießener Straße und handelten mit Häuten und Fellen. Der Ehemann Moritz starb bereits 1927 und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Fronhausen bestattet. Tochter Irma heiratete 1938 Salli Nathan aus Lohra. Moritz war ein Bruder von Hermann Löwenstein. Die Ehefrau Regina Rosenbaum wurde 1878 in Hochelheim geboren. Ihre Eltern sind Heimann und Minna Rosenbaum geborene Hess.
Der Dorfname dieser Familie Löwenstein war: „Moritze“.

Julius Löwenstein, geboren 1878, Kaufmann und Witwer, mit Sohn Otto. Die Ehefrau von Julius, Rosa geborene Hammerschlag aus Hannoversch-Münden, starb 1928 im Alter von 43 Jahren und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Fronhausen bestattet.

In ihrem Haus in der Gladenbacher Straße führten Julius und Otto ein großes Textilgeschäft, das 1930 seit 50 Jahren bestand. Sohn Otto heiratete 1940 Elfriede Katz aus Inheiden und wohnte bei seinen Schwiegereltern in Inheiden.
Julius Eltern waren Moses Löwenstein I. und seine Ehefrau Henriette geborene Schott aus Bad Soden am Taunus. Mit Dorfname nannte man die Familie „Mendels“.

 

Minna Krug war Haushälterin bei Julius Löwenstein. Anfang März 1938 zog sie nach Felsberg. Ihre Nachfolgerin wurde Sybilla Neuhaus, 1898 in Westerburg als Tochter des Sattlers und Polsterers Louis Neuhaus und seiner Frau Henriette geb. Hirsch geboren. Sie trat am 15. August 1938 ihren Dienst bei Julius Löwenstein an.

Am Abend des 9. November 1938 (Novemberpogrom) wurden die Fensterscheiben bei den jüdischen Familien eingeworfen. Im Betsaal in der Marburger Straße wurde das Inventar zerstört, viele Gegenstände wurden auf die Straße geworfen.

Im Mai 1941 wurden 11 jüdische Personen aus Neustadt in die Häuser der Familien Johanna (Sannchen) Löwenstein und Gottfried Goldschmidt zwangsumgesiedelt. Hierbei handelte es sich um zwei Familien Kanter: Hugo, Moritz, Selma, Abraham, Karoline geborene Weinberg, und Ludwig, Walter, Emanuel, Pauline und Moses sowie Rosa Sachs.
Mit den beiden Deportationen aus dem Landkreis Marburg am 8. Dezember 1941 in das Ghetto Riga und am 31. Mai 1942 nach Lublin/Sobibor wurde die jüdische Bevölkerung aus dem Dorf ausgelöscht.

Als einzige Überlebende des Holocaust kehrte 1945 das Geschwisterpaar Jenni und Trude Löwenstein nach Fronhausen zurück. 1946 emigrierten sie zu ihren Verwandten, die noch im Januar 1941 aus Halsdorf flüchten konnten, nach San Francisco. 

 

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